Für Michas Klettergruppe ist es eine liebgewonnene Tradition das verlängerte Pfingstwochenende im Wilden Kaiser zu verbringen.
Nach Michas tödlichen Skiunfall im März wurde uns bald klar, dass wir diese Tradition auf jeden Fall am Leben halten wollen. So packten einige Familien aus seiner alten Klettergeister-Gruppe und ein paar neue von den Überhängern ihre Klettersachen zusammen, um den langen, steilen Anstieg zur Fritz-Pflaum-Hütte zu wagen. Nach kurzem Stopp beim Holzlager, bei dem wir unsere eh schon schweren Rucksäcke noch weiter beluden, erreichten wir erschöpft und völlig verschwitzt die auf 1865 m gelegene Selbstversorgerhütte.
Oben angekommen gönnten wir uns eine Pause bei Kaffee und Kuchen und genossen die herrliche Aussicht auf die rauen, teils noch schneebedeckten Berggipfel rings um uns herum. Auch unseren Kletterfels, den Kleinkaiser, hat man von der Hütte aus direkt im Blick.
Unter fachkundiger Anleitung von Ilona Plankensteiner, die Michas Klettergruppe übernommen hat, kletterten wir am Nachmittag schon die ersten Routen am Fels. Die neuen Überhänger stellten bald fest, dass das Klettern am Fels herausfordernder ist als in der Halle. Ständig hält man Ausschau nach dem nächsten guten Griff und muss sich gleichzeitig vor bröckelnden Steinen in Acht nehmen. Dafür wird man oben mit einer wundervollen Aussicht belohnt.
Den ersten Abend ließen wir bei Kässpatzen, Gitarrengesang und Spielen ausklingen und genossen den Sonnenuntergang, der die hohen Gipfel gelb und rot erstrahlen ließ.
Kurz nach Sonnenaufgang saßen die ersten Frühaufsteher schon wieder in der Mitte des wilden Kaisers, wo sie mitten auf dem Hubschrauberlandeplatz mit einer Tasse Kaffee den neuen Tag begrüßten. Als sich endlich auch die letzten Teenies aus dem Bett gequält hatten, kletterten wir weiter am Kleinkaiser und meisterten auch Routen wie den „Rippenbruch“ ohne Probleme.
Im felsigen wilden Kaiser fand jeder von uns einen passenden Stein, den er oder sie im Laufe des Tages in Erinnerung an Micha bunt bemalte.
Den Nachmittag verbrachte jeder nach seinem Geschmack mit klettern, chillen oder einer abenteuerlichen Wanderung, bis wir uns am frühen Abend, angelockt durch Gitarrenklänge und Gesang, vor der Hütte wiederfanden. Die Lieder, die von den Gipfeln widerhallten, wurden immer leiser, als sich immer mehr Kletterer den spontanen Dehnübungen von Ilona anschlossen. Unbezahlbar sind unsere Erlebnisse im Wilden Kaiser ja sowieso, aber wir bekamen sogar noch eine kostenlose „Yoga-Stunde“ vor herrlicher Bergkulisse obendrauf!
Am dritten Tag brachen wir direkt nach dem Frühstück zum Mitterkaiser auf. Diese Wanderung machen wir jedes Jahr: zuerst über ein Geröllfeld, durch die Rinne klettern und dem Grat entlang zum Gipfel folgen. Dieses Jahr brachten wir die bemalten Steine zum Kreuz und gedachten Micha:
„ … und bis wir uns wiedersehen
halte Gott dich fest in seiner Hand“
Unser Kletterwochenende im Wilden Kaiser war dieses Jahr aufregend, erholsam, abgeschieden von der Welt und wunderbar wie immer. Und doch war es ganz anders, denn du hast uns sehr gefehlt, lieber Micha. Danke für alles, was du uns gezeigt und beigebracht hast. Wir werden dich nie vergessen!
Und dir, liebe Ilona, möchten wir danken, dass du seine Klettergruppe übernommen hast und weiterführst. Danke für die Organisation und Planung dieses unvergesslichen Pfingstwochenendes.
Für die Überhänger des DAV Neuland, Saskia Quaiser