Dieses Jahr wollten wir in der Jugend mal etwas Neues wagen und so entpuppte sich bei uns nach der Bundesjugendversammlung (BJV) die Idee einen kleinen Austausch mit einem anderen Land zu wagen. Unser Austauschpartner ist der Verein Véloxygène aus Saint-Rémy-lès-Chevreuse. Das ist ein Radsportverein mit verschiedenen Sparten. Darunter hat er auch viele Mountainbikegruppen für Kinder und Jugendliche je nach ihrem Niveau.
Nach vielen Monaten der Vorarbeit machten wir uns zu fünft (Nummer 6 startete zur gleichen Zeit in Bordeaux) in aller Frühe am Sonntagmorgen auf den Weg nach Frankreich. Erst mit der Regio (+ S-Bahn) nach München und dann weiter mit dem TGV nach Paris-Est. Nachdem die erste Müdigkeit überwunden war, wurde stundenlang UNO-Flip gezockt, gesnackt und die Geschwindigkeit unseres Zuges überwacht (vmax war ungefähr 325 km/h). Die ersten Eindrücke von Paris (wenn auch nicht gerade die schönsten) erhielten wir gleich als wir rüber zum Gare du Nord pilgerten, von wo aus wir mit dem RER B (sowas wie die S-Bahn in München) zu unserem Ziel „Saint-Rémy-lès-Chevreuse“ fuhren. Dort wurden wir von Ewa, Lydia und Julie sogleich auf Französisch (faire la bise) begrüßt und sind hoch zur L‘Arche d‘Aigrefoin (https://aigrefoin.arche-france.org/) gefahren. Wir lagerten unsere Sachen in einem sehr großen Raum ein und machten uns sofort daran die Zelte für die Nacht auf einem intakten Wiesenstück aufzustellen (direkt daneben hatte es vor kurzem erst gebrannt und alles war verkohlt). Als das erledigt war, fuhren wir mit dem Auto zurück ins Dorf um unsere Radl (diese wurden uns glücklicherweise vom dortigen Radlverein geliehen) in Beschlag zu nehmen und unsere erste kleine Probeausfahrt zu machen. Auf dieser gab es gleich den ersten Platten mit verdrehter Kette und lockerer Schaltung. Mittlerweile war es schon weit nach 18 Uhr als wir endlich die Arche wieder erreichten. Dort trafen wir auf Isaac, sodass unsere kleine (9 Leute) aber feine Truppe komplett war. Ein Teil ging duschen, der andere Teil kümmerte sich um das Abendessen (bestand wie auch die nächsten Tage aus Entrée, Plat, Dessert). Leider funktionierte der Ofen nicht so schnell wie wir es wollten und so gab es unsere Pizza erst um 22 Uhr. Müde von dem langen Tag schliefen eigentlich alle recht gut, obwohl die Wiese wohl eher einer Buckelpiste glich als einer angenehmen Schlafunterlage ;-).
Am nächsten Morgen mussten wir „früh“ raus, denn der erste von zwei Arbeitseinsätzen im Jardin Maraîcher stand an. Dafür, dass wir bei der Arche kostenlos zelten, die Sanitäranlagen, Küche und andere Infrastruktur nutzen durften, arbeiteten wir an zwei Vormittagen ein wenig in ihrem Obst- und Gemüsegarten mit. Zur Stärkung gab es jedoch erst einmal ein leckeres Frühstück mit von Ewa gebrachten pain au chocolat, croissants und frischen Baguettes. Nachdem Juliette von der Arche uns offiziell begrüßt hatte begannen wir mit unserer Arbeit in zwei Gruppen. Die einen sammelten/pflückten les mirabelles (Mirabellen) und les reineclaudes (bekannte französische Pflaumenart), die anderen schütteten Kompost um den poireau (Porree, Lauch). Der Kompost wurde mit schwingenden Schaufeln und viel Schweiß erst einmal von den Jungs in ihrem Tagebau abgebaut. Nach getaner Arbeit schlüpften wir in unsere Radlklamotten und los ging unsere zweite Ausfahrt. Über vier Schlösser fuhren wir bergauf und bergab durch das Vallée de Chevreuse zusammen mit ein paar anderen Leuten von Véloxygène. Am Château de la Madeleine vorbei radelten wir bis zum Château de Dampierre, wo wir unsere selbstbelegten sandwichs (belegtes Baguette) verzehrten. Weiter erklommen wir einige côtes (Hänge) um zum Château de Bréteuil und zum Château de Meridon zu gelangen. Bei letzterem riskierten wir sogar einen Einbruch hinter Gittern fürs Foto… Schön symmetrisch sahen diese Bauwerke der Vergangenheit aus, doch für das geübte Auge des Fehlersuchers tanzte der ein oder andere Schornstein dann doch aus der Reihe. Die meisten Wege, die wir dort gefahren sind waren schmale Pfade, die sogenannten „singles“. Fahrradtechnisch wurde der obligatorische Tagesplatten natürlich nicht ausgelassen. Diesmal kamen wir früher zurück und konnten schön in der Sonne unser goûter genießen, ein paar Spiele spielen und gemütlich duschen gehen. Das Essenmachen stellte uns an diesem Tag vor keine große Herausforderung, denn Ewa brachte uns ihre vorbereitete leckere Lasagne, die wir nur noch aufwärmen mussten. Na gut, der Salat musste von uns noch geschnippelt werden, mehr nicht. Abends spielten wir noch eine Runde Volleyball im Dunklen. Keine Ahnung ob wir alle zu inkompetent zum Spielen waren oder es doch ein wenig zu duster war, jedoch fiel unser Ball immer wieder in ein stacheliges Gebüsch, welches den Ball in einen fliegenden Kaktus verwandelte.
Die Strecke nach Paris und wieder raus cheateten wir am Dienstag, denn es standen viele Sehenswürdigkeiten auf dem Plan, die besucht werden wollten. So nahmen wir entspannt mit unseren Radln den RER in die Seine-Metropole. Den ganzen Tag kreuzten wir mit unseren VTTs (vélo tout terrain = Mountainbike) durch Paris. Der Eiffelturm, der Louvre, die Sacre-Cœur auf dem Montmartre und vieles mehr bekamen wir zu sehen. Hier wollen wir noch ein paar Highlights nennen: In der Nôtre-Dame sind Sportklamotten verboten und so mussten wir in der heißen, stickigen Kirche Jacken tragen. In enger Radlhose gab es dann noch ein stylisches Tuch um die Hüfte. Mittag machten wir am Canal Saint-Martin. Dort beobachteten wir einen Fischer der nichts fing und viel zu früh aufgab, von Brücken springende Franzosen, einen stetig steigenden Wasserpegel und leider keine der sich drehenden Brücken. Wir errolltreppten ein Luxuskaufhaus für die kostenlose Aussicht über die „Stadt der Liebe (oder auch der Diebe)“ und bewunderten die schrägen Posen der Mittouristen. An der Seine fanden wir ein kleines öffentliches Bad, wo wir aber nur mit quietschgelber Boje um dem Bauch planschen durften (jemanden zu tauchen funktionierte dennoch prächtig:-). Wir fanden einen mit Graffiti beschmierten Fahrradtunnel, der gefühlt bis ans andere Ende der Stadt reichte und zu Radlrennen einlud. Eins haben wir auf jeden Fall in Paris gelernt: Ampelsignale sind nur zum Anschauen da und haben meist keine weitere Bedeutung (zumindest für viele der Autos, Fußgänger, Radler und Busse). Aus Paris rausfahren war erst ab 19 Uhr erlaubt (wegen der Pendler), sodass wir im leichten Regen hinauf zur Arche schon in der Dämmerung strampeln mussten. Abendessen musste schnell gehen und so gab es Tomate-Mozzarella, Spaghetti mit Soße und natürlich Nachtisch.
Mittwochmorgen fuhr ein kleiner Trupp zum Bäcker um unser Frühstück/Mittag zu besorgen. Mit unserer allmorgendlichen Verspätung radelten wir durch die weiten Wälder über kleine Trails kreuz und quer bis wir endlich gegen 15 Uhr unseren Mittagsspot erreichten. Dort gab es einen kleinen Wasserfall mit eau polluée (im Grunde genommen handelte es sich um eine Staustufe des Baches, wo das Wasser nun ca. 4 Meter runterfallen konnte). In unserer sehr ausgedehnten Pause wurden noch ein paar Füße freiwillig und unfreiwillig gebadet. Für den Rückweg fiel unsere Entscheidung auf die kürzeste Variante, damit wir einigermaßen früh zurück an unserem Basecamp sein konnten. Daraus wurde aber nichts, denn ein Reifen nach dem anderen (am Vormittag hatten wir auch schon zwei Platten) ließ seine Luft nach draußen entweichen. Der Witz war vor allem, dass nachdem wir Lydias Platten behoben hatten nur 50 Meter weiter kamen bevor der nächste Schlauch den Geist aufgab. Dies sollte dann zu Glück der letzte Platten des Tages werden und wir konnte mit einigen Zielsprints zurück zur Arche rollen. Zur Belohnung des Tages ließen wir uns dort ein leckeres Eis schmecken von dem man munkelt, es seien noch das ein oder andere im Gefrierschrank dort zu finden. Nach dem reichhaltigen Abendessen (Reis mit Curry) ließen wir uns noch einen verspäteten Geburtstagsbrownie schmecken. Der ein oder andere fand sich nach dem Aufräumen noch zu einer seeehhr langen Wizard-Partie zusammen, sodass jene erst am nächsten Tag ins Bettchen kamen. In der Nacht zog ein fettes Gewitter über uns hinweg, doch die Zelte trotzten dem Wasser und Wind wie Festungen in der Brandung. Es gab sogar welche unter uns die das ganze Spektakel einfach verschliefen.
Eigentlich stand ja für Tag fünf eine Radltour zum Schloss Versailles an, aber wir hatten tags zuvor schon entschieden dies nicht mehr zu machen. Bei unserer demokratischen Abstimmung wollte die Mehrheit vormittags eine kleine Fahrradtour machen und nachmittags ins Schwimmbad gehen. Leider fiel das Schwimmbad ins Wasser, da dort nur eng anliegende Badeklamotten erlaubt waren und viele von uns diese nicht dabei hatten. So wurde der Nachmittag kurzerhand in einen Spielenachmittag umfunktioniert. Das Ziel unserer Radltour war das Viaduc des Fauvettes. Über diese alte Eisenbahnbrücke verläuft heute ein sehr breiter Fahrweg und es gibt viele Menschen die dort Klettern gehen. Nach einer kleinen Snackpause radelten wir im fast leeren Bassin der Yvette (der Fluss der dort im Tal öfters für Überschwemmungen sorgt) zurück zu unserer Unterkunft. An diesem Tag fuhr sich niemand einen Platten, sodass die am Vortag geflickten chambre à air nicht zum Einsatz kommen mussten. Gemütlich ließen wir den Tag mit Mittagessen, Spielen, Goûter und dem ein oder anderen Gewitterschauer ausklingen. Eine weitere Neuheit gab es auch, denn wir aßen mal nach den deutschen Gewohnheiten unser Abendessen. Warum? Wir wollten auch alle früher ins Bett gehen, denn am nächsten Tag musste ein straffer Zeitplan eingehalten werden (niemand möchte mit der Bahn irgendwo stranden…).
Viele waren von uns schon vor dem Wecker wach, geweckt vom rauschenden Regen. Doch wie durch ein Wunder hörte es nach unserem Aufstehen (6.50 Uhr) fast schlagartig auf. So konnten wir schnell die nassen Zelte zusammenpacken ohne auch noch selber durchnässt zu werden. Nach dem Frühstück arbeiteten wir nochmal drei Stunden am poireau, wobei wir unsere Arbeitsabläufe immer weiter perfektionierten. Danach hieß es Sachen aus dem Saal räumen, Klo und Dusche putzen, alles fegen und so war der Laden dort am Ende viel sauberer als wir ihn vorgefunden hatten. Die Fahrräder mussten ja auch wieder runter zu Ewa in die Garage und so luden wir unsere Taschen in ihr Auto und wollten gerade losfahren als… … der nächste Platten kam. Zum Glück war schnell ein Ersatzradl organisiert (Flickzeug war nämlich schon weg), sodass wir entspannt runterradeln konnten. Nach einer großen Runde des Au-revoir-Sagens starteten wir vom Bahnhof in Saint-Rémy-lès-Chevreuse nach Paris hinein. Unsere Heimfahrt verlief bis auf die Grenzkontrolle in Kehl und die typischen Verspätungen der DB ohne große Vorkommnisse, sodass wir um halb 12 am Penzberger Bahnhof im strömenden Regen standen.
Fazit:
insgesamt 8 Platten
nur ein paar Schrammen (vor allem durch die vielen Brombeeren) und blaue Flecke
tausend neue Ideen für mehr oder weniger fotogene Posen für Insta-Fotos
lieber enge Hose oder weite Hose; wo ist was erlaubt?; haben wir bis zum Ende die französische Logik nicht ganz verstanden
Franzosen essen überall Chips dazu
Goûter darf nicht ausgelassen werden, sonst gibt‘s Ärger
viele neue Wörter gelernt und zum Teil wieder vergessen
Vielen Dank an alle die in diesen Austausch so viel Energie und Zeit reingesteckt haben (besonders Janina und Ewa). Es war eine supercoole Zeit mit meist gutem Wetter. Wir haben alle sehr viele schräge und schöne Erinnerungen mitnehmen können. Einen Riesendank auch an die Arche, bei der wir unser Basecamp aufschlagen durften und an das Deutsch-Französische-Jugendwerk (DJFW), das das Ganze subventioniert. Auf jeden Fall freuen wir uns sehr, wenn nächsten Sommer der Gegenbesuch hier bei uns stattfindet und wir unseren französischen Freunden die Freuden unserer Gegend hier präsentieren können…