Die Durchquerung der Bernina war vom 19.04. bis 23.04. geplant, die Hütten schon frühzeitig reserviert. Wir fürchteten schon, dass wir gar nicht fahren können, weil die langfristige Wetterprognose miserabel war. Aber 3 Tage vor Abfahrt änderten sich die Wetteraussichten zum Guten und es gab nur am ersten Tag ein paar Wolken.
Morgens um 5.00 Uhr klingelten die Wecker und wir (Anja, Erwin, Roland, Simon und ich) quetschten uns mitsamt Ski und Rucksäcken in ein Auto und kamen nach ca. 4 Std. in Silvaplana an. Nach komplizierter Parkplatzsuche und einem Kaffee ging‘s etwas unsportlich mit der Seilbahn auf den Corvatsch, weil der normale Zugang zur Coazhütte über das Val Roseg seit einem Bergsturz vor 2 Jahren gesperrt ist. Vom Corvatsch fährt man mit den Skiern zur Coazhütte ab. Man muss dabei zwei steile, mit provisorischen Seilen gesicherte Felsriegel abklettern. Das Gelände ist brüchig, teilweise sandig und sehr unangenehm zu gehen. Unsere Skihosen sahen danach jedenfalls aus, als hätten wir in einem Steinbruch gearbeitet. Nach den Felsriegeln geht es dann auf Skiern und am Schluss mit ein paar Meter Gegenanstieg zügig zur sehr gemütlichen Coazhütte.
Nach einer entspannten Nacht (es sind insgesamt nur 8 Gäste da) frühstücken wir am nächsten Morgen um 5.30 Uhr. Nach dem hervorragenden Abendessen staunen wir über die extrem kleinen Portionen Brot und Käse beim Frühstück und brechen dann auf zum Piz Glüschaint. Bei solchen Portionen dauert das Frühstück auch nicht besonders lange….! Über Nacht hat es ein paar Zentimeter geschneit und so sind auch die steilen Querungen und Anstiege in der ersten Stunde sehr griffig und lassen sich gut ohne Harscheisen gehen. Dann geht es am Seil über den zunächst flachen Gletscher landschaftlich großartig an diversen Eisbrüchen vorbei höher. Im weiteren Verlauf steilt es auf. Zwei größere Spalten, die laut Hüttenwirt die letzten Winter unpassierbar waren, lassen sich ganz einfach überwinden. Die letzten 150 Höhenmeter geht es über den felsigen und teilweise luftigen Grat ohne Ski zum Gipfel (3594 m). Beim Abstieg sparen wir uns einen Teil des Felsgrates, seilen über ein steiles Schneefeld ab und kommen zügig zurück zum Skidepot. Die Landschaft rundherum ist großartig, gleich gegenüber sehen wir direkt auf die Schneekuppe und den Piz Roseg. Trotzdem wird die Pause kurz, weil es durch den leichten, aber steten Wind gleich kalt wird, wenn man sich nicht bewegt. Die Abfahrt ist von Anfang an gut. Aber als wir wieder den flachen Teil des Gletschers erreichen, wird es so schön, dass wir diesen Hang ca. 300 Hm Richtung Muongia noch einmal hinaufgehen. Das gute Abendessen auf der Hütte haben wir uns danach redlich verdient.
Am nächsten Morgen frühstücken wir wieder um 5.30 Uhr. Dann starten wir Richtung Piz Sella (3517 m). Die erste Stunde der Tour kennen wir schon vom Vortag. Danach geht es ca. 100 Hm bergab und dann queren wir leicht ansteigend immer weiter Richtung Südosten. Uns ist kalt, weil wir seit fast 3 Stunden bei leichtem Wind im Schatten gehen und so sind wir froh, dass wir kurz vor der Fuorcola de la Sella endlich in die Sonne kommen. Wir biegen nach rechts ab und erreichen zunächst über einen steilen Hang, am Schluss auf einem breiten Rücken landschaftlich großartig den Gipfel. Uns ist immer noch kalt und nach kurzer Pause fahren wir bei schlechtem, weil stark windgeprägtem Schnee ab, zur Fuorcola de la Sella. Dann geht es auf der anderen Seite der Scharte gleich weiter über den flachen Vadretta di Scerscen Superiore Richtung Marinellihütte. Leider verleiten uns vorhanden Skispuren dazu, dass wir ein Stück zu früh nach Süden Richtung Marinellihütte abbiegen. Gottseidank merken wir es recht schnell und müssen nur ca. 100 Hm zurück auf den richtigen Weg und erreichen dann bald die Marinellihütte. Die typisch italienische Hütte liegt großartig auf ca. 2800 m. Es sind nur ganz wenig Gäste da. Das ist auch gut so, denn auf der Riesenhütte mit 120 Betten und 100 Mittagsplätzen gibt es nur je 1 Toilette für Männlein und Weiblein. Alle Wasserhähne sind abgeschraubt. Zum Zähneputzen kann man Mineralwasser in Plastiklaschen kaufen. Aber das Abendessen war gut.
Am nächsten Morgen starten wir zur Königsetappe unserer Tour. Mit Steigeisen gehen wir die erste Steilstufe hinter der Hütte zum Passo Marinelli hinauf. Dann geht es erst lange über den flachen Vadretta di Fellaria, dann steilt es auf und wir erreichen den Passo di Sasso Rosso. Von dort sehen wir das erste Mal weit entfernt unser heutiges Ziel, den Piz Palü. Lange gehen wir eben über den riesigen Altipiano di Fellaria, bis wir das sehr steile Schneefeld erreichen, über das wir die Scharte zwischen P. Spinas und dem Palü Hauptgipfel erreichen wollen. Netterweise hat eine Bergführerpartie vor uns eine Spur in das steile und harte Schneefeld gelegt und wir kommen recht gut hinauf auf den Grat und dann in wenigen Minuten auf den Piz Palü (3905 m). Es ist kaum zu glauben, aber außer uns ist keiner da. Wir sind dort ganz allein. Nach kurzer Pause geht es bei besten Verhältnissen über den sehr ausgesetzten Grat auf den Ostgipfel und von dort immer noch steil weiter zum Skidepot hinunter. Fehler darf man sich dort nicht erlauben, sie hätten einen Absturz zur Folge. Gottseidank gibt es keinerlei Gegenverkehr auf dem Grat. Ausweichmanöver auf dem Grat stelle ich mir heikel und gefährlich vor. Weil es immer noch windig und kalt ist, bleiben wir nur kurz beim Skidepot und fahren dann über den Vadret Pers Richtung Bovalhütte ab. Die Landschaft ist großartig. Immer wieder fahren wir an wilden Gletscherbrüchen vorbei und bleiben zum Fotografieren stehen. Und endlich ist auch der Wind weg. Wir setzen uns eine halbe Stunde in die Sonne und bestaunen die riesigen Gletscher. Wie armselig sind dagegen die Gletscherreste bei uns in den Ostalpen. Aber auch hier setzt der Klimawandel den Gletschern sehr zu. Wir merken das, als wir im Talboden auf den Vadretta Morteratsch stoßen, diesen überqueren und dann 150 Hm über eine Seitenmoräne zur Bovalhütte aufsteigen müssen.
Am letzten Tag wollten wir eigentlich auf den Piz Morteratsch gehen und dann über die Tschiervahütte ins Val Roseg abfahren. Aber von der Coazhütte haben wir gesehen, dass dort eine Abfahrt mangels Schnees nicht möglich ist. Wir sind unschlüssig, wie wir weiter verfahren wollen, keiner hat Lust zu Fuß von der Bovalhütte ins Tal zu gehen. Roland hat die beste Idee. Wir gehen auf die Diavolezza und fahren die Skipiste runter. Wir schlafen am Morgen aus und frühstücken erst um 7.00 Uhr. Beim Aufstieg stoßen wir auf eine tolle Eishöhle. Natürlich gehen wir hinein und machen viele Bilder. Und dann geht es über den flachen Gletscher Richtung Diavolezza. Landschaftlich ist es ganz toll, beim Gehen haben wir immer den Palü im Blickfeld. Den letzten steilen Hang zur Diavolezza gehen wir mit Steigeisen hinauf und dann sind wir im Skigebiet. Aber es ist nix mehr los, die riesige Sonnenterasse ist nur sehr spärlich besetzt. Wir trinken noch einen Kaffee und dann geht es über die Piste ins Tal bis zum Bahnhof. Die Abfahrt ist sensationell. Perfekter Firn und keine Leute. Wir haben die ganze lange Abfahrt für uns allein.
Natürlich ist der Zug nach St. Moritz in der Schweiz pünktlich und es geht nahtlos mit dem Bus weiter nach Silvaplana zum Auto.
Alles in allem: Eine superschöne Tour die man nicht unterschätzen sollte
Martin